Bischof Wilhelm Krautwaschl
Bischof Diözese Graz-Seckau
“Warum gibt es uns? Warum gibt es Menschen? Ohne einen Glauben an Gott, der allem, was ist und geschieht, einen Sinn verleiht, ist das schwierig zu beantworten. Gott hat uns, die Menschen, als ein Gegenüber in der Schöpfung geschaffen – so jedenfalls sehen wir es als Christen. Aus diesem Grund gibt es uns Menschen – sogar als Gottes Ebenbild. In Jesus Christus, seinem Mensch gewordenen Sohn, wird dies unüberbietbar deutlich.
Gott haucht uns das Leben ein – das Leben hier auf unserer Welt bis hinein in die Ewigkeit, wenn unsere beschränkte Lebenszeit zu Ende ist. Jedes einzelne Leben ist also grundsätzlich ein Geschenk Gottes. Es gibt nichts wertvolleres und wichtigeres als neues, menschliches Leben. Daher gilt: Jedes Leben ist lebenswert, jedes Leben ist mit einer eigenen Qualität ausgestattet, mit eigenen Möglichkeiten, den Weg durch das Leben und hin zu Gott zu gehen.
So freue ich mich über das vielfache “Ja” zum Leben, das immer wieder gegeben wird – und dies auch in schwierigen Zeiten und unter besonderen Umständen. Dann kann die Kirche helfen. Auch #fairändern setzt sich für gute Lösungen ein, die dem Leben dienen. Deshalb sage ich ein herzliches „Vergelt’s Gott“, dass es diese Initiative gibt.”
Selbstbestimmt sterben?
Seit Menschengedenken war es unser oberstes Bestreben, unser Leben zu schützen, zu bewahren, zu verlängern, angenehm und gelungen zu gestalten. Das Leben war seit eh und je das höchste Gut.
Nun aber wollen wir „selbstbestimmt sterben“ und sollen einander dabei auch noch „helfen“. Mit Entscheidung vom 11.12.2020 hob der Verfassungsgerichtshof das strafrechtliche Verbot der Beihilfe zum Suizid auf; ab 1. 1. 2022 wird es nun in Österreich möglich sein, aus der Apotheke ein Medikament zu holen, um sich selbst zu töten.
Nun ist das Töten an und für sich nichts Neues. Unsere Geschichte zeugt davon. Allerdings wurde getötet, um sich selbst, seine Liebsten, seinen Nachwuchs, sein Dorf, seine Gesellschaft am Leben zu erhalten. Nun hat sich der Spieß umgedreht und ist gegen uns selbst gerichtet. Sind wir uns selbst zum Feind geworden? Das sogenannte Selbstbestimmungsrecht gipfelt in ungeahnten, irrationalen Höhen.
Natürlich steht fest: Niemand will leiden. Aber wer von uns lebt tatsächlich ohne Leiden? Und damit ist nicht nur Krankheit gemeint. Die Ehe, die Ehelosigkeit, eine Scheidung bringt Leiden mit sich. Unter Kinderlosigkeit wird gelitten, aber auch unter dem Vorhandensein von Kindern. Der Arbeitslose leidet mitunter wie auch der Arbeitende. Worin mündet diese Mentalität, die nicht leiden/oder nicht leiden sehen will? Im Bereich der Abtreibung können wir die Zeichen sehen: Wir töten das behinderte Kind bereits bevor es geboren wird, damit es „nicht leiden“ muss. Wir brechen die Schwangerschaft ab, weil das Kind kein schönes Leben oder zumindest keinen guten Start haben würde. Lohnt es sich überhaupt noch, zu leben?
Und ob! Es ist und bleibt das schönste unverdiente Geschenk und das höchste Gut. Es ist ein Abenteuer, zu dem Täler ebenso gehören wie Berge, Sonnenschein wie Regen. Und ja, so wie das Geborenwerden gehört auch der Tod zu seiner Zeit dazu. Und ja, die wenigsten von uns werden gesund sterben. Das Leben ist keine Momentaufnahme, es ist Bewegung, es ist ein Weg. Und es ist dann am besten, wenn wir auf diesem Weg füreinander da sind. Darum ist es unser Wunsch, Wege für das Leben zu finden. Das ist wahrer Fortschritt!
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