Bischof Wilhelm Krautwaschl
Bischof Diözese Graz-Seckau
“Warum gibt es uns? Warum gibt es Menschen? Ohne einen Glauben an Gott, der allem, was ist und geschieht, einen Sinn verleiht, ist das schwierig zu beantworten. Gott hat uns, die Menschen, als ein Gegenüber in der Schöpfung geschaffen – so jedenfalls sehen wir es als Christen. Aus diesem Grund gibt es uns Menschen – sogar als Gottes Ebenbild. In Jesus Christus, seinem Mensch gewordenen Sohn, wird dies unüberbietbar deutlich.
Gott haucht uns das Leben ein – das Leben hier auf unserer Welt bis hinein in die Ewigkeit, wenn unsere beschränkte Lebenszeit zu Ende ist. Jedes einzelne Leben ist also grundsätzlich ein Geschenk Gottes. Es gibt nichts wertvolleres und wichtigeres als neues, menschliches Leben. Daher gilt: Jedes Leben ist lebenswert, jedes Leben ist mit einer eigenen Qualität ausgestattet, mit eigenen Möglichkeiten, den Weg durch das Leben und hin zu Gott zu gehen.
So freue ich mich über das vielfache “Ja” zum Leben, das immer wieder gegeben wird – und dies auch in schwierigen Zeiten und unter besonderen Umständen. Dann kann die Kirche helfen. Auch #fairändern setzt sich für gute Lösungen ein, die dem Leben dienen. Deshalb sage ich ein herzliches „Vergelt’s Gott“, dass es diese Initiative gibt.”
Schwanger mit 44 Jahren
Das ist meine Geschichte, denn es geht sprichwörtlich um mein Leben. Am 18.8.1996 erblickte ich das Licht der Welt. Meine Mutter schloss mich überglücklich in die Arme. Alle Schmerzen und Mühen der Geburt waren vergessen. Mein Vater konnte sein Glück kaum fassen, dieses kleine Wunder persönlich zu sehen, halten und liebkosen zu können.
Selbst der Arzt und die Hebammen bekamen feuchte Augen beim Anblick dieser Szene trotz der tausend Geburten, die sie schon miterlebt hatten. Kaum ein Moment verging ohne Faszination über diesen kleinen, einzigartigen Menschen, ein Produkt der gegenseitigen Liebe. Freunde und Familie kamen von überall und freuten sich mit der kleinen Familie.
Eine ganz typische Geschichte?
Niemand hätte nach 10 langen Jahren gedacht, dass meine 44-jährige Mutter ein gesundes Kind bekommen würde. 10 Jahre voller Sehnsucht, voller gelegentlicher Hoffnungsschimmer, voll von herben, tränenreichen Enttäuschungen. Arztbesuche endeten gewöhnlich mit den Worten: „In Ihrem Alter sollten Sie eh nicht mehr schwanger werden, die Risiken sind zu hoch.“
Inmitten dieses Leides, entschieden sich meine Eltern den Worten nicht zu glauben und darauf zu vertrauen, dass zur richtigen Zeit das Richtige geschehen wird. Und siehe da, ein positiver Schwangerschaftstest, ein bestätigendes Ultraschallbild! Da kam der nächste Tiefschlag: „Sie sind mit fast 44 Jahren schwanger. Lassen Sie es abtreiben. Es ist sehr wahrscheinlich behindert. Tun Sie sich das nicht an. Machen Sie sich das Leben leichter!“
Diese Worte schafften es nicht, die Freude meiner Eltern zu dämpfen. Sie wollten das grade empfangene Kind willkommen heißen, schützen und großziehen, egal ob es beeinträchtigt ist oder nicht. Sie wussten, dass dieses Kind einzigartig ist, voller Potenzial steckt, die Welt zu verändern und einen Platz in der Gesellschaft verdient hat.
Hoffnung führt zu Zuversicht
Fast 25 Jahre später schreibe ich nun meine Geschichte und bin immer noch fasziniert über all das Gute, das aus dieser langen, leidgeprüften Wartezeit meiner Eltern gekommen ist: Dieses Zeugnis hat in Gesprächen mit werdenden Eltern einige ungeborene Kinderleben vor dem Abbruch gerettet und vielen kinderlosen Paaren große Hoffnung geschenkt.
Zum Schluss möchte ich betonen, dass es viele Fälle gibt, in denen die Vorrausetzungen für das Großziehen und die Betreuung eines (potenziell beeinträchtigten) Kindes nicht gut sind. Doch selbst in dieser schwierigen, ernstzunehmenden Lage ist es wichtig daran zu erinnern, dass jedes Kind ein Recht auf Leben hat, egal ob mit Beeinträchtigungen oder ohne, egal ob gewollt oder ungewollt.
Jedes Leben ist wertvoll und bereichert diese Welt und seine Eltern auf komplett einzigartige Weise. Wer weiß, vielleicht wird genau aus diesem Kind der nächste Präsident oder ein bahnbrechender Forscher?
Herzlich, eure Tanja
*Name wurde zum Schutz der Personen verändert
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