Bischof Wilhelm Krautwaschl
Bischof Diözese Graz-Seckau
“Warum gibt es uns? Warum gibt es Menschen? Ohne einen Glauben an Gott, der allem, was ist und geschieht, einen Sinn verleiht, ist das schwierig zu beantworten. Gott hat uns, die Menschen, als ein Gegenüber in der Schöpfung geschaffen – so jedenfalls sehen wir es als Christen. Aus diesem Grund gibt es uns Menschen – sogar als Gottes Ebenbild. In Jesus Christus, seinem Mensch gewordenen Sohn, wird dies unüberbietbar deutlich.
Gott haucht uns das Leben ein – das Leben hier auf unserer Welt bis hinein in die Ewigkeit, wenn unsere beschränkte Lebenszeit zu Ende ist. Jedes einzelne Leben ist also grundsätzlich ein Geschenk Gottes. Es gibt nichts wertvolleres und wichtigeres als neues, menschliches Leben. Daher gilt: Jedes Leben ist lebenswert, jedes Leben ist mit einer eigenen Qualität ausgestattet, mit eigenen Möglichkeiten, den Weg durch das Leben und hin zu Gott zu gehen.
So freue ich mich über das vielfache “Ja” zum Leben, das immer wieder gegeben wird – und dies auch in schwierigen Zeiten und unter besonderen Umständen. Dann kann die Kirche helfen. Auch #fairändern setzt sich für gute Lösungen ein, die dem Leben dienen. Deshalb sage ich ein herzliches „Vergelt’s Gott“, dass es diese Initiative gibt.”
Pränatalberatung bei unerwarteter Diagnose
Mein Mann und ich werden diesen Moment nie vergessen, als die Gynäkologin beim Organscreening in der 20. Schwangerschaftswoche innehielt, mich ansah und fragte: “Haben Sie die Nackenfaltenuntersuchung in der 12. SSW nicht gemacht?”
Nachdem ich verneinte, rief sie ihre Kollegin und die beiden unterhielten sich leise, während ich immer nervöser wurde und meinen ebenso nervösen Mann verzweifelt ansah. Es stellte sich heraus, dass unser Sohn Camillo einen Herzfehler hatte, den auch 50% der Kinder mit Trisomie 21 haben.
Schockiert und erstarrt
Die Ärztin klärte uns über die Wahrscheinlichkeit einer Trisomie 21 und die Risiken einer Fruchtwasseruntersuchung auf, ohne unsere emotionale Starre wahrzunehmen. Auch verwies sie uns nicht an eine psychologische Beratung, sondern klärte uns nur darüber auf, dass wir uns sobald wie möglich gegen oder für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden müssten.
Wie man sich vermutlich vorstellen kann, waren wir in den ersten Tagen unter Schock und handlungsunfähig. Diese unerwartete Nachricht stürzte uns in eine emotionale Krise, wie das meistens Menschen passiert, die mit etwas konfrontiert werden, womit sie in keinster Weise gerechnet hatten.
Akzeptanz und Annahme
Doch mit der Zeit akzeptierten wir die Tatsache, ein Kind mit Beeinträchtigung zu bekommen und unsere Liebe für dieses Wunschkind war grösser als die Angst vor dem Ungewissen. Wir begannen, uns sogar auf dieses neue Abenteuer zu freuen.
Camillo kam schließlich mit Trisomie 21 auf die Welt, sein Herzfehler wurde korrigiert und es geht ihm gut. Und uns auch. Er ist heute acht Jahre alt und unser drittes von vier Kindern. Wir hatten das unglaubliche Glück, dass weder ich noch mein Mann eine Minute in Erwägung gezogen hatten, Camillo abzutreiben.
Aber das Glück, so auf einer Linie zu stehen, hat nicht jedes Paar und ist nicht selbstverständlich. Im Laufe der letzten acht Jahre habe ich einige Familien kennengelernt, die auch noch nach vielen Jahren mit ihrem Schicksal hadern, ein Kind mit einer Beeinträchtigung zu haben.
Folgenreiche Entscheidungen
Diese Beobachtung und unsere im Gegensatz dazu positive übereinstimmende Haltung hat mich dazu bewegt, die Ausbildung zur psychologischen Beraterin zu machen, mit Schwerpunkt Pränatalberatung. Diese Resonanz und meine eigene Erfahrung haben mir bewiesen, wie wichtig es ist, in der Schwangerschaft von einem psychologischen Berater begleitet zu werden. Sie / Er kann den werdenden Eltern helfen, verdeckte Ressourcen freizulegen, die das Paar benötigt, um sich diese neue unbekannte Herausforderung des Lebens zuzutrauen.
Und falls sich ein Paar nach einer oder mehreren Beratungseinheiten gegen das Kind und für einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet, dann sollte es diese psychologisch folgenträchtige Entscheidung gut reflektiert und nach bestem Wissen und Gewissen treffen. Außerdem kann ich nicht genug betonen, wie wichtig die psychologische Unterstützung auch während und nach dem Prozess der Abtreibung ist. Denn sich für einen Abbruch zu entscheiden ist sicherlich keine leichte Entscheidung und das Thema ist damit nicht von einem auf den anderen Tag vom Tisch.
Ein Pränataldiagnostiker hat einmal zu mir gesagt: “Das schwierige an dieser Entscheidung ist, dass es den werdenden Eltern wie die Wahl des geringeren Übels erscheint.” Das klingt hart und ich war anfangs über diese Aussage entsetzt, aber wenn die werdenden Eltern mit dieser unerwarteten Diagnose konfrontiert werden, trifft das wahrscheinlich in vielen Fällen zu. Und deshalb ist es so unglaublich wichtig, dieses in dem Moment geringere Übel mit größter Überzeugung zu wählen.
Auch wenn es mir sehr schwerfällt einen Zusammenhang zwischen einem Übel und einem werdenden Leben zu sehen. Ich persönlich muss nach acht Jahren mit unserem Camillo sagen, dass wir zu 100% die richtige Entscheidung getroffen haben!
Eure Valerie De Agostini
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